Offener Brief an den Karlsruher Gemeinderat

Sehr geehrte Stadt­­rä­tin­­nen und Stadträte,

ich möchte Sie gerne fragen, wie viel Geld Sie in die Hand nehmen müssen, um arbeiten gehen zu können? Mein Mann und ich müssen 500 Euro jeden Monat für die Kinderbetreuung unserer beiden Kinder im Alter von 2 und 3,5 Jahren bezahlen, damit wir einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Und ich frage mich, warum kinderlose Menschen keine 500 Euro in die Hand nehmen müssen, um einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Hier sehe ich eine große Gerechtigkeitslücke.

Ich weiß selbstverständlich, dass ich Betreuungskosten absetzen kann (wenn auch nicht die kompletten Kosten in einem Jahr). Nur das bringt mir nichts, denn ich muss die Rechnung des Kindergartens jeden Monat bezahlen. Hinzu kommt: Als berufstätige Mutter stehe ich jeden Tag unter Stress und Druck. Wer (Klein)Kinder hat, hat weniger Zeit als ein kinderloser Mensch, da Kinder sehr viel Zeit für Pflege, Betreuung usw. benötigen. Dass diese Arbeit weder von der Politik noch von der Wirtschaft wertgeschätzt wird, brauche ich Ihnen wahrscheinlich nicht zu sagen.

Bevor ich Kinder bekommen habe, sah ich nichts Schlimmes dran. Heute versuche ich, mein Umfeld darüber aufzuklären, was es in unserer Gesellschaft bedeutet, Kinder zu haben. Es gibt (etwas plakativ und aus meiner Erfahrung gesprochen) in der Praxis die Wahl zwischen Burnout und Armut, wenn Kinder in eine Familie geboren werden. Entweder müssen beide Eltern in Vollzeit arbeiten, um sich die Betreuungskosten leisten zu können. Meiner Erfahrung nach endet dieses Modell im Burnout eines oder beider Elternteile, während die Kinder unter dem permanentem Stress und der Anspannung der Eltern leiden. Eine andere Möglichkeit ist die Armut und zwar dann, wenn ein Elternteil zu Hause bleibt oder in Teilzeit arbeitet. Vor diesem Hintergrund bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Kinder vor einem solchen Schritt zu schützen. Die Folge:

Ich für meinen Teil erziehe meine Kinder dazu, selbst keine Kinder zu bekommen (oder erst reich zu werden und dann Kinder zu bekommen). Meiner Meinung nach ist es ein Fehler der Politik, das Kinderkriegen zu propagieren und so zu tun, als wenn man das fördern möchte oder würde. Auf der anderen Seite ist es gar nicht möglich, Kinder heute anständig und kindergerecht zu erziehen.

Vor dem Hintergrund, dass die Stadt Karlsruhe Gelder zum Feiern (Stadtgeburtstag), für Fußballfans (ja klar, der KSC soll‘ s später zurückzahlen) und für Prestigeprojekte (U-Bahn) ausgibt, verstehe ich nicht, warum die Stadt Eltern hier alleine lässt. Selbstverständlich sind mir Förderprogramme für Eltern wie die Frühen Hilfen in Karlsruhe bekannt und sie sind auch notwendig (geworden). Es kann aber doch nicht sein, dass eine Gesellschaft, die Arbeiten als einen normativen Wert sieht und dies zur Grundlage einer menschlichen Existenz macht, Eltern Steine in den Weg legt, damit diese einer Erwerbstätigkeit nachgehen können.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder doch einmal Kinder kriegen werden und deren Kinder dann in einen kostenlosen Kindergarten gehen können, während deren Eltern 35 oder 30 Stunden in der Woche arbeiten und hierfür so bezahlt werden, dass eine Familie anständig davon leben kann. Denn wir alle waren selbst einmal Kind, weshalb es nur logisch ist, dass Kinder weder für den Eintritt in ein Schwimmbad noch für Klavierunterricht bezahlen müssen sollten (oder zumindest nicht so viel, dass es weh tut). In einer hochindustrialisierten Wissensgesellschaft muss zudem kaum ein Mensch mehr 40 oder mehr Stunden arbeiten, um die gleiche Arbeit zu erledigen, die er oder sie nicht auch in 35 schaffen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Anette Rößler

PS: Das Entgleisen vieler Bürgerinnen und Bürger in den braunen Sumpf ist m.E. auch ein Zeichen dafür, dass die etablierten Parteien die Mittelschicht im Stich gelassen haben (oder sie sich so fühlt). Doch gerade die Mittelschicht bringt die eigentliche Leistung: Bringt die Wirtschaft voran weil sie arbeitet, zieht ihre Kinder groß, kümmert sich um die eigenen Eltern, engagiert sich ehrenamtlich, und und und – während Frauen draußen vor der Vorstandstür bleiben sollen, Manager sich die Hosen vollstopfen und Unternehmen am Fiskus vorbei verdienen. Kultur und Gerechtigkeit sind moderne Errungenschaften, die permanent durch Ungerechtigkeiten bedroht sind. Das Ergebnis vom 13.03.16 war eine solche Bedrohung. (Manchmal muss man etwas schwarz-weiß malen, um deren Merkmale hervorzuheben).


Hinweis:

Diese E-Mail habe ich an den gesamten Gemeinderat der Stadt Karlsruhe geschickt bzw. an diejenigen, die Ihre E-Mail-Adresse veröffentlicht haben.

Sechs Mitglieder des Gemeinderats haben bisher geantwortet: 1 Mitglied der Linken, 3 Mitglieder der CDU, 2 Mitglieder der Grünen, 1 Mitglied der GfK (Stand: 06.06.2016)

Schreibe einen Kommentar